Die DKG will reden…

Liebe Deutsche Krankenhausgesellschaft,

bei Twitter haben Sie uns aufgefordert aus unserem Arbeitsalltag zu schreiben und Ihnen zu sagen, was getan werden muss. Mich verwundert das erst einmal ein wenig, da ich dachte, dass die Dinge seit vielen Jahren ziemlich klar seien. Man hat jetzt schon wieder den Eindruck als höre niemand zu. Seis drum. Ich wähle diesen Weg der Kommunikation, da ich Ihnen Atens meine private Handynummer nicht via Whatsapp zukommen lassen möchte und Btens ermangelt es mir am Facebook-Account. Ich möchte Ihnen hier kurz versinnbildlichen, wie sich die Pflege auf deutschen Intensivstationen geändert hat und wie wir weggekommen sind von der Patientenorientiertheit. Auch wenn Sie immer meinen, dass sich Profitorientiertheit und bedarfsgerechte Pflege in Einklang bringen lassen. Tun Sie nicht. Und mir ist auch bewusst, dass ich Ihnen als Arbeitgeberverband schreibe und Sie, natürlich, nichts anderes sagen werden.

Das berufliche Leben ist sehr unstetig geworden. Man weiß bei Schichtbeginn nie ob man zwei oder gar drei PatientInnen betreut. Schon in der Übergabe erahnt man oft, dass eine bedarfsgerechte Pflege nicht möglich sein wird. Operationen werden durchgeführt, obwohl man weiß, dass danach kein Intensivbett zur Verfügung steht. Das ist aber nicht das Problem der ChirurgInnen, es ist das Problem der Menschen auf der Intensivstation. Man muss Menschen verlegen, die eigentlich noch intensivpflichtig sind, aber im Moment „das beste Pferd im Stall“. Man muss sie verlegen um ein freies Bett zu schaffen, um jene PatientIN aufzunehmen, die man ohne Rücksicht auf angeschlossene Behandlungseinheiten stur operierte und damit MitarbeiterInnen wie auch PatientInnen in arge Nöte brachte.

Wenn PatientInnen in der morgendlichen Besprechung als verlegungsfähig beschrieben werden, verstehen die OperateurInnen nur: „Cool. Wir haben XY freie Betten“. Und das obwohl diese PatientInnen noch gar nicht verlegt sind. Wie pervers das Ganze wird, erkennt man daran, dass bei akuten Komplikationen kaum noch Handlungsspielraum vorhanden ist. Das Bett ist verplant. Entweder die PatientIn reißt sich jetzt mal am Riemen oder wird halt notgedrungen auf eine IMC gelegt, deren Pflegeschlüssel oft bei 1:5 oder 1:6 liegt. Noch einen Tag länger bleiben, weil die PatientIn nicht normgerecht heilt, ist im Sinne der Profitorientiertheit nicht vorgesehen. Ich habe es nicht nur einmal erlebt, dass bei der Durchsage, der PatientIn gehe es nicht gut, die OperateurIn persönlich auf die ITS kam und sich selbst überzeugen wollte. Als sei man zu dämlich das einschätzen zu können. Man bekommt einen Eindruck davon, dass es nicht mehr um den Menschen geht, sondern vielmehr um Marge und das Kapital. Darunter leiden werden IMMER die PatientInnen. Darunter sterben sie auch, wie internationale Studien beweisen.

Die Rücklaufquote von IMC auf die ITS ist recht hoch, da im IMC-Bereich die gesetzlich festgelegten Personaluntergrenzen nicht gelten und man dort oftmals alles „parkt“ was keinen Tubus hat, aber eigentlich auf eine Intensivstation gehört. Der oben angesprochene IMC-Personalschlüssel ist schon fast Standard und macht eine bedarfsgerechte Pflege schlicht unmöglich. Generell drängt sich mir der Eindruck auf, dass der Mehrwert bedarfsgerechter und professioneller Pflege auch bei Ihnen noch nicht ganz durchgedrungen ist. Es werden sehr oft nur Köpfe gezählt währenddessen die Qualifikation der MitarbeiterInnen meist unbeachtet bleiben. Außerdem: Es fehlt an einem validen Instrument zur Erfassung des tatsächlichen Pflegebedarfes und der daraus resultierenden Sichtbarmachung des reellen Pflegepersonalbedarfes. Seit Jahren ist bei diesem Thema Blindflug angesagt. Selbst die in der PpUGV angegebenen Untergrenzen sind Pi mal Daumen erstellt und berücksichtigen in keinster Weise den Pflegeaufwand der PatientInnen. Die in der Schublade des Bundesgesundheitsministeriums versandete Vorlage der PPR 2.0 sehe ich in dem Punkt kritisch, und das muss ich jetzt mit aller Deutlichkeit sagen, dass Sie daran mitgearbeitet haben. Vielleicht täuscht mich mein Eindruck, aber ich bin da erstmal vorsichtig. Es gab zu viele heiße Versprechungen der letzten Jahre, die sich am Ende als Flop herausgestellt haben, aber vorher pompös gefeiert wurden.

Thema Ausbildung. Über die Pflegestudiengänge und deren Mehrwert möchte ich jetzt nicht schreiben. Nur kurz: Wir brauchen auf lange Sicht akademisierte Pflegefachpersonen, da wir jetzt schon ein pflegerisches Entwicklungsland darstellen und international in diesem Bereich gar nicht mehr ernst genommen werden. Skill Mix, you know?

Wenn Menschen in ihrer Ausbildung so Dinge gesagt bekommen wie: „Das kannste im richtigen Arbeitsleben so nicht anwenden, das dauert zu lange.“, dann frage ich mich doch, warum man sich von einer bedarfsgerechten Pflege, die einem ja beigebracht wird, so weit entfernt hat? Warum man Pflegefachpersonen in ihrer Kompetenz den Pflegebedarf zu erkennen, so beschneidet, dass am Ende nur noch Flickschusterei übrigbleibt? Hauptsache es ist jemand da, der irgendwie aufpasst und irgendwelche Verrichtungen ausführt? Der Rest fällt dem Rotstift und der Kommerzialisierung zum Opfer. Es sind halt Dinge, die man nicht in Geld umwandeln kann und damit der Profit fehlt. Lässt man sie zu, nützt es den PatientInnen, schmälert aber den Gewinn. Für welche Variante man sich seitens der Kliniken und nachrangig der Aktionäre entscheidet, dürfte durchaus klar sein. Man könnte aber auch sagen: Opfert sich die Pflege nicht, opfert man die Pflege.

Seit vielen Jahren nehmen die Belastungen im Pflegebereich zu. Die PatientInnen werden älter und auch kränker. Auch das Pflegefachpersonal wird (welch Wunder) älter und ist auch mit steigendem Alter nicht mehr so leistungsfähig. Erkrankt gar. Was man eben so bekommt, wenn man Jahre unter Stress, unterbesetzt und im Schichtdienst arbeitet. Über die moral injuries reden wir noch gar nicht. Und da der Pflegebereich im Schnitt 47 Jahre alt ist, kann man sich schon einmal auf harte Zeiten einstellen. Der Pflegefachpersonenmangel ist ein Generationenproblem. Nichts was man heute noch akut lösen könnte. Aber etwas was man vor 20 oder 30 Jahren hätte lösen müssen. Und weil man das nicht tat, werden wir die nächsten (mindestens) zwei Generationen mit diesem Problem zu kämpfen haben.

„Die Generation der heute 40- bis 50-Jährigen muss befürchten,
dass sie in 20 oder 30 Jahren nicht mehr die Versorgung erhält, die sie benötigt.“. Stammt nicht von mir der Satz. Er ist aus dem Vorwort des „Themenreport Pflege 2030“ der Bertelsmann Stiftung. Und der wurde 2012 veröffentlicht. Das war vor 9 Jahren. Und ich sitze jetzt, im Jahr 2021, hier und schreibe Ihnen diesen Text, weil sie nun Bedarf zum Reden sehen. Puh…

Gerade auch in der Intensivmedizin sind die Behandlungsmöglichkeiten in den letzten 20 Jahren ganz wesentlich mehr geworden. Was nicht wesentlich mehr geworden ist, ist das Personal. Damit meine ich das FACHpersonal. Es spielt schon eine Rolle ob ich zwei wache und stabile PatientInnen betreue oder zwei (meist reicht schon einer) instabile PatientInnen, die möglicherweise noch irgendein Divice haben. Eine Dialyse, ein ECMO/ECLS-System, Beatmung und sonstiges apparatives Knowhow bedient und überwacht sich nicht von selbst. Dazu kommt noch, On Top sozusagen, der Pflegeaufwand. Der wird nämlich sehr oft vergessen, wenn man über die Möglichkeiten der Intensivmedizin sinniert. ECMO/ECLS-PatientInnen bluten nicht selten aus sämtlichen Einstichstellen oder aus dem Mund-Nasen-Rachenraum. Das muss versorgt werden. Drehen geht auch nicht allein. Dazu braucht man WoMan-Power, dazu braucht man genug Personal und vor allem auch Zeit. Beides kostet Geld, hilft aber den PatientInnen. Aber „leider“ nicht dem Portemonnaie des Klinikchefs und schon gar nicht dem Aktienkurs.

Neue MitarbeiterInnen werden schon häufig in den ersten Monaten „verbrannt“. Man überfordert sie, weil sie zwingend funktionieren müssen. Und das müssen sie, weil nicht ausreichend Personal und Zeit vorhanden ist für…
– Atens: eine gute Einarbeitung, die sich an den Bedürfnissen und Ressourcen des neuen Mitarbeiters orientiert.
– Btens: die Überleitung in die berufliche Routine nach der Einarbeitung.
Und so schwimmen neue MitarbeiterInnen im kalten Wasser und erschöpfen sich zunehmend. Keine gute Grundlage für eine langjährige Zusammenarbeit oder gar einen Verbleib im Beruf. By the way: Viele von uns werden es nicht schaffen das reguläre Rentenalter zu erreichen. Das MUSS dringend bedacht und geändert werden.

Abschließend möchte ich Ihre Frage/Aufforderung beantworten „Was muss getan werden?“.

1.
Zuhören, wenn die MitarbeiterInnen in der Pflege etwas sagen. Es nicht reflexartig als Gejammer abtun, denn wir reden überwiegend für die PatientInnen und weniger für uns selbst. Wir verlangen auch nichts utopisches. Goldene Wasserhähne oder ein Einhorn etwa. Wir verlangen Respekt, Augenhöhe und vor allem Rahmenbedingungen, die es uns erlauben eine bedarfsgerechte Pflege durchzuführen. Und ja, gemessen an unseren Aufgaben und der damit zusammenhängenden Verantwortung verlangen wir auch mehr Geld.

2.
Mehr Personal. Die Gründe dafür dürften hinlänglich durchgekaut worden sein.

3.
Hört endlich auf uns fachfremde Aufgaben zu übertragen, da das Geld Euch spart. Wir sind die Pflege, nicht die Hauswirtschaft und schon gar nicht das Reinigungspersonal. Es kommt ja mittlerweile in Mode, dass man in den genannten Bereichen Einsparungen vornimmt, da die Pflegefachleute das sicher genauso können. Apropos können: Gebäudereinigung kann auch nicht jede/r. Da gehört auch viel Sachkenntnis dazu. Nicht umsonst ist es ein Ausbildungsberuf. Und wenn man Kliniken hygienisch sauber haben möchte, dann sollte man auch in Reinigungspersonal investieren, dass weiß wie man die Dinge reinigt und desinfiziert. Alles andere wird halt einfach nix.

4.
Ich mache jetzt das große Gespenst auf: Pflegekammer!
Ich sag nicht viel dazu. Nur soviel: In anderen Ländern funktioniert es auch. Dort hat Pflege auch gesellschaftlich einen ganz anderen Stellenwert.

5.
Hört auf uns zu verarschen und zu verhöhnen. Es macht immer so den Eindruck, wenn man seitens der Arbeitgeber(verbände) ÜBER die Pflege redet und nicht MIT ihr. Was ich Ihnen ganz übel nehme sind so seltsame Pressemitteilungen wie: „18.500 zusätzliche Pflegekräfte in den Kliniken während der Pandemie“ oder „Pflegepersonaluntergrenzen müssen auch für 2021 in Gänze ausgesetzt werden“. Sie wissen was ich meine.
Das war mir nochmal wichtig zu erwähnen, denn man bekommt den Eindruck als müsse man es immer nochmal dazu sagen.

Good Luck DKG
Euer Porter

Vom Sein und nicht Sein, toxischen Hierarchien und einem Kraken.

Ich werde immer wieder gefragt, warum ich 2018 die Position des Teamleiters einer Intensivstation aufgegeben habe und mich wieder ins Pflegeteam einreihte. Die Antwort darauf fällt mittlerweile sehr knapp aus: „Ich habe gemerkt, dass es nichts für mich ist.“. Leider fragen nur wenige genauer nach, weil diese Antwort erstmal recht logisch und nachvollziehbar ist. „Kann ich versehen.“ sagen viele. Man erwartet also eine kurze Antwort und möchte auch gar nicht weiter bohren. Dabei ist meine kurze Antwort nur der Titel des Buches. Schnell gelesen und verstanden. Der Inhalt bleibt erstmal im Verborgenen. Man muss „lesen“ wollen um eine differenzierte Antwort zu erhalten. Diese Antwort will ich nun hier versuchen zu geben.

Alles beginnt mit einer großen Lüge. Bereits in den Stellenausscheibungen für die untere und mittlere Managementebene werden Illusionen verteilt. Da liest man von „Gestaltungsspielraum“, „eigenen Ideen“, „Innovation“ und vor allem vom „Teil eines großartigen Teams“. Zudem heißt es weiter: „fundierte Einarbeitung“, „individuelle Karriereplanung“ und „moderne Führungsstrukturen“. Bereits im Vorstellungsgespräch wird klar, dass es am Ende um den Kampf „Oben“ gegen „Unten“ geht. Um Deutungshoheiten, um Macht und schlussendlich auch um Geld. Vergessen wird, dass wir mit Menschen arbeiten. Die PatientInnen sind Menschen. Die MitarbeiterInnen im Team sind Menschen. Ich wurde damals gefragt: „Was machen Sie bei Personalausfall?“. Was soll man da antworten? Ich sagte: „Ich schaue, wie man den Dienstplan optimieren und wie man einzelne Mitarbeiter in andere Dienste verschieben kann. Zur Not muss ich Menschen anrufen und fragen. Oder ich schließe mich mit dem Oberarzt kurz und es müssen PatientInnen verlegt und Betten geschlossen werden.“. Ja, Letzteres war nicht die Antwort die man hören wollte. Aber Schwamm drüber, eine/n andere/n BewerberIn für die Stelle hatte man nicht.

Nach dem Gespräch nahm mich meine Stationsleitung beiseite und sagte, dass es gut gelaufen sei. Aber bei der Sache mit dem Personalausfall hätte ich noch sagen können, dass ich selbst in den Dienst einspringe. Einsatzbereitschaft zeigen. Vielleicht auch mal einen Doppeldienst machen. Ich war irritiert, aber durchaus zuversichtlich. Man muss dazu sagen, dass ich mich nur auf diese Stelle beworben hatte, weil es familiär nötig war. Das klingt erstmal seltsam, ist aber Teil meines Buches und damit Teil der Antwort. Ein bitterer Punkt eigentlich. Der Kindergarten meines Kindes befand sich nicht in unserem Wohnort, sondern in meinem Arbeitsort. Jeden Morgen musste es um 6 Uhr in der Einrichtung sein. Punkt 6 Uhr ist Dienstbeginn in der Klinik. Man gestand mir zu, dass ich 6.30 Uhr anfangen konnte. Aber nicht lange. Ich solle zusehen, dass sich da was ändert. Im Sinne der Klinik ist eine familienfreundliche Arbeitszeit, wenn die KiTa um 5.30 Uhr aufmacht, damit der Papa um 6 Uhr zum Dienst erscheinen kann. Alles andere ist nicht denkbar. Der Druck auf mich wurde irgendwann so groß, dass man mir als Alternative die besagte Teamleitungsstelle anbot. Ich könne dann gerne später anfangen und sei flexibler. Was bleibt einem also übrig? Man spürt, dass jemand versucht einen in die Ecke zu drängen und der Ausweg führt nur über einen riesigen Kraken, der einen sofort vereinnahmt. Ich bekam die Stelle.

Die „fundierte Einarbeitung“ bestand aus zwei Tagen. Passwörter verraten, zeigen wie man Medikamente bestellt und was sonst noch so zu den Aufgaben einer Teamleitung gehört. Wenn du Fragen hast, frag. Ansonsten: toi toi toi. Gleich an Tag 1 begann ich meine zukünftige Hauptaufgabe. Das Füllen von Dienstplanlücken. Das dauerte manchmal Stunden und erforderte nicht selten viel Phantasie. Bereits da merkte ich, dass ich mich innerlich unwohl fühlte. Aber man hält es aus. Der Anfang ist nie schlimm. Es trägt einen die Hoffnung, dass es besser wird. Weil: „innovative Ideen“, „Gestaltungsspielraum“ und all die Dinge die in der zarten Seifenblase der Illusion so mitwaberten. Sehr deutlich merkt man aber etwas ganz anderes. Ich habe es deshalb den Kraken genannt. Acht Arme, jeder davon stark und in der Lage einen festzuhalten. Man merkt den bestimmenden Griff und wie er versucht einen in die Tiefe zu ziehen. Tunlichst machen, was ER möchte. „Eigeninitiative“ nur, wenn es im Sinne der Klinik ist. Auf die MitarbeiterInnen wird wenig Rücksicht genommen. Man wird zum Gefangenen dieses Kraken, ein Sklave des Systems. Man hört wie die Illusionsblase der „modernen Führungsstruktur“ leise zerplatzt.

Unangenehme Entscheidungen, Entscheidungen deren Sinn man selbst nicht versteht, man sie aber dem Team so verkaufen muss als trage man sie mit, das sind diese Situationen, die einen verzweifeln lassen. Warum muss ich bei 12 PatientInnen und geplant 6 Pflegefachpersonen im Dienst jemanden anrufen und fragen ob er spontan Frei haben möchte? Welchen Sinn hat es, dass man schwer erkrankte PatientInnen nicht mehr bedarfsgerecht versorgen kann? Weigere ich mich, bekomme ich Ärger. Die Rhetorik wird toxisch. „Das lässt sich nicht spielen.“, „Das ist unfair den anderen Stationen gegenüber, die auch keine 1:2-Betreuung machen können.“. Es fehlen einem die Worte um darauf überhaupt etwas erwidern zu können. „Wenn du niemanden findest oder niemanden anrufst, dann wird es auf einer anderen Station jemand tun und eure/r 6. MitarbeierIn wird dann auf diese Station abgezogen.“. Pflegepersonaluntergrenzen? Kräht kein Hahn danach. Die offiziellen Zahlen werden verfälscht. Menschen mit einberechnet, die eigentlich gar nicht auf Station an den PatientInnen arbeiten. StudienmitarbeiterInnen und MitarbeiterInnen mit Arbeitsplatz in der Gerätetechnik (in beiden Bereichen ausgebildete Pflegefachpersonen) bilden die Puffer für das Erreichen der PPUG. Es ist eine Farce, deren Teil man wird. Die Arme des Kraken merkt man sehr deutlich.

Viele MitarbeiterInnen melden sich aus Notwehr krank. Sie schaffen es nicht mehr den Leistungsdruck der auf ihnen lastet mit ihren Vorstellungen an eine gute, bedarfsgerechte Pflege zu vereinen. Das Klinikum tut auch nichts, dass sich diese Situation ändert. Im Gegenteil. Wer nicht funktioniert, der kann gehen. Dem bescheinigt man unorganisiert zu sein. Dem sagt man nach, dass er nicht geeignet sei Intensivpflege auf hohem Niveau zu machen. Den lädt man zu Gesprächen ein, die einer Zäsur ähneln und die MitarbeiterInnen noch mehr demotiviert. Die PatientInnen haben sich in den letzten 20 Jahren verändert. Sie sind im Schnitt älter und kränker. Die Möglichkeiten ihnen zu helfen sind vielfältiger, aber auch aufwändiger geworden. An der Personalausstattung hat sich indes nichts geändert. Mehr und mehr Aufgaben bürdete man den Pflegefachpersonen auf. Wohlwissend, dass nur ein Teil davon erledigt werden kann. Wohlwissend, dass es zuviel ist. Man erstellte Prioritätenlisten, auf denen man den Pflegefachpersonen erklären wollte, was sie nun als Erstes und als Letztes zu tun hätten. Man behandelte uns alle wie kleine Kinder, denen man nicht zutraute einschätzen zu können, dass die Personalausstattung für die anstehenden Aufgaben zu gering sei. Stattdessen erklärte man den Pflegefachleuten sie seien zu chaotisch, zu langsam oder gar inkompetent. Das war nun die Welt in der ich mich bewegte. Moralisch kaputt. Sozialkompetenztechnisch völlig unterirdisch. Und immer darauf hoffend, dass man von gehobenerer Stelle gelobt und gehuldigt wurde. Das Team wurde unwichtig. Wichtig war, dass die „Führungsblase“ einen lobte und man dort einen guten Stand hatte. Als „harter Hund“ wollten sich da viele hervor tun. Mir wurde es langsam zuviel. Aber wie steigt man aus?

Die damalige Pflegedirektorin sagte einmal: „Sie spielen jetzt nicht mehr Kreisliga. Das hier ist Championsleague.“. Sie hatte von Fußball keine Ahnung, denn ich kam mir vor als spielte ich bei Malmö FF anstatt beim FC Bayern oder bei Real Madrid. Wenn es Championsleague ist, MitarbeiterInnen despektierlich zu behandeln, das Ziel einer bedarfgerechten Pflege zu verfehlen, dafür aber an allen Ecken und Enden betriebswirtschaftliche Entscheidungen zu Lasten der MitarbeiterInnen und PatientInnen mittragen zu müssen, dann spiele ich lieber Kreisliga. Oder Schach. Schach ist auch gut. Nach oben kommt nur, wer willfähig und opportun ist. Nach oben kommt nur, wer das System weiter pflegt, den Krake weiter füttert und gut zu ihm ist. Alle anderen werden fallen gelassen. „Individuelle Karriereplanung“ also.

Gefährdungsanzeigen. Eine Welt für sich. So unbeliebt wie das Weihwasser beim Teufel. Bekommt man eine, muss man eine Stellungnahme dazu schreiben. Ziel: Die Gefährdungsanzeige als unsinnig erscheinen zu lassen. Man muss durchaus Kreativität entwickeln um aus einer beschissenen Lage und einer offensichtlichen Gefährdung, einen regulären und sicheren Betrieb abzuleiten. Mir fiel das immer sehr schwer, da ich eigentlich verstehen konnte, was die schreibenden MitarbeiterInnen bewegte. Widerwillig widerlegte man das Geschriebene. Mitunter log man auch, schrieb Dinge die im Nachhinein nicht mehr nachzuprüfen waren, die aber die Gefährungsanzeige somit ad absurdum führten. Ich bekam auch Stellungnahmen mit der Bitte auf Nachbesserung von meiner Leitung zurück. So musste man noch mehr lügen und die Realität noch deutlicher verbiegen. Das macht etwas mit einem. Denn man merkt sehr deutlich wie tief einen der Krake gezogen hat. Man fühlt sich unwohl. Man schläft schlecht. Das Privatleben leidet deutlich, da man oft unzufrieden und angespannt ist. Abschalten kann man schon lange nicht mehr. Stetig muss man erreichbar sein. Für die Station. Für die Vorgesetzten. Frei, Urlaub, Krank, Kindkrank, alles nur mit schlechtem Gewissen machbar. Der Weg zur Arbeit wurde irgendwann zur Qual. Physisch wie psychisch ging es mir schlecht.

Meine Frau sagte mir einmal, dass ich mich verändert hätte. Ich sei ernster geworden und introvertierter. Aus dem lustigen Plappermaul das sie mal geheiratet hat, ist ein alter Griesgram geworden, dem man nichts recht machen konnte und der stetig unzufrieden erschien. Ich strahlte keine Lebensfreude mehr aus. Es war ein hartes Urteil, aber es führte dazu, dass ich nachdachte. Was tue ich hier? Warum lasse ich mich so vereinnahmen? Was will ich sein? Wer darf ich nicht sein? Und warum darf ich nicht sein, was ich sein will? Und was macht dieser Krake hier?

Meine Entscheidung stand fest. Ich möchte das nicht mehr. Ich möchte diese Position nicht mehr behalten. Sie zerstört mich. Sie verletzt mich moralisch und ethisch. Ich handle entgegen meiner inneren Überzeugung. Ich wollte gestalten, Ideen einbringen, an der positiven Entwicklung teilhaben und Dinge verbessern. Stattdessen verwaltete ich ein altes, marodes System aus den Anfang 1990er Jahren. Eine Zeit, in der PatientInnen noch auf eine Intensivstation kamen, weil sie mehr als zwei Flexülen hatten und Flüssigkeit brauchten. Eine Zeit, in der SchlaganfallpatientInnen noch auf Normalstation „behandelt“ wurden. Eine Zeit, in der man Tupfer noch selbst drehte und Kliniken eigene Küchen hatten. Eine Zeit, in der es noch Begriffe gab wie „Eisen und Föhnen“, „Servo 900“ und „Krankenschwester“. Die „moderne Führungsstruktur“ war altbacken, bräsig, wenig flexibel und nur auf Erhalt, weniger auf Fortentwicklung ausgelegt. Basis dieser „Führungsstruktur“, so wurde mir klar, waren toxische Hierarchien, toxische Rhetorik, toxische Menschen, die Gift verspühten oder zumindest die Pfeile vergifteten, die andere abfeuern sollten. Es war nicht meine Wertvorstellung und schon gar nicht meine Welt – „Ich habe gemerkt, dass es nichts für mich ist.“.

Mein Rücktrittswunsch stieß auf wenig Gegenliebe in der Führungsetage. Man versuchte mir einen Arbeitgeberwechsel schmackhaft zu machen. Man hätte Verbindungen in andere Kliniken. Ich sollte mir das nochmal überlegen. Ich könne woanders auch gleich in eine Führungsposition. Es klang als wollte man mich loswerden. Den Nestbeschmutzer. Der Gescheiterte. Ich blieb. Und ich blieb nur aus einem Grund. Ich habe in 3 Jahren so oft hinter die Kulissen schauen können, dass ich dieses Wissen und dieses Knowhow nun gegen den Kraken einsetzen kann, der immer noch versucht Menschen zu vereinnahmen.

Ich bin ausgestiegen. Aus Überzeugung. Weil ich mich nicht verbiegen lassen wollte. Weil ich mir treu bleiben wollte. Weil meine Ziele und Vorstellungen andere sind als die Ziele derjenigen, die den Krake füttern. Ich gehe nun wieder meiner Pflegetätigkeit nach und kann unbefangen reden und handeln. Ich bin resilienter geworden gegen die Angriffe der Leitungsebene. Ich lasse mich nicht einschüchtern, weil ich heute weiß, dass sie im Unrecht sind. Der Krake ist bezwingbar geworden, das ist vielen noch nicht bewusst. Deshalb habe ich Euch meine Geschichte erzählt.

Bleibt gesund.

Euer Porter

Vom Können und nicht mehr können. Was bedeutet Pflegebedürftigkeit für uns?

„Wenn ich mal nicht mehr kann, dann zieht den Stecker.
Stellt die Maschinen einfach ab!“

Die Vorstellung medizinischer Laien vor dem Eintreten der eigenen Pflegebedürftigkeit ist eine recht vereinfachte Version. So als sei das Leben ein Videospiel, das man bei Bedarf einfach ausschalten kann. GAME OVER – und tschüß. So einfach ist es indes nicht.

Das Leben hat keinen AN/AUS-Schalter wie eine Maschine. Man muss sich den Unwegsamkeiten stellen, muss sie nehmen wie sie kommen. Viele Dinge verdrängt man. Unangenehme Dinge meist. Dazu gehören Krankheiten, das „nicht mehr so können“, die Pflegebedürftigkeit und auch der Tod. Es sind intime Dinge. Dinge, die nur einen selbst betreffen und die nicht selten Angst machen. Angst vor der eigenen Pflegebedürftigkeit, der Bettlägerigkeit, davor nicht mehr aufstehen zu können. Angst vor Schmerzen. Angst vor Siechtum. Angst davor auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Vielleicht dauerhaft, ein Leben lang. Auch die Angst davor den „Angehörigen zur Last zu fallen“ höre ich in den Gesprächen sehr oft.

Es hält sich leider sehr hartnäckig die Vorstellung, dass Pflegebedürftigkeit immer mit vollständiger Bettlägerigkeit und Abhängigkeit einhergeht. So als gäbe es nur schwarz und weiß. Können und halt nicht mehr können. Nicht mehr aufstehen können, nicht mehr essen oder trinken können, sich nicht mehr bewegen können. Man muss durch Andere gedreht werden, gewaschen, gefüttert oder wird durch eine Sonde ernährt. Man kann die Ausscheidung nicht mehr selbst steuern. Man uriniert ins Bett. Man kotet ein. Man muss vielleicht wieder Windeln tragen. Bekommt einen Katheter, damit der Urin wenigstens kontrolliert ablaufen kann. Man starrt den ganzen Tag an die Decke. Regungslos, vielleicht von Schmerzen geplagt, sich nicht mehr äußern könnend. Man nimmt nicht mehr am Leben teil, ist nur noch ein bisschen Mensch in einem Bett. Das ist sie, die häufigste Vorstellung von Pflegebedürftigkeit. Das Denken in Extremen. Völlig frei und selbstständig auf der einen, völlige Hilflosigkeit und Abhängigkeit auf der anderen Seite. Ein „dazwischen“ bedenkt man gar nicht.

„Zieht den Stecker“ setzt also voraus, dass man sich über das Thema Pflegebedürftigkeit noch nie Gedanken gemacht hat. Sonst würde man darauf kommen, dass es oft Szenarien sind die gar keinen Stecker haben, den man ziehen könnte, damit alles vorbei ist. Eine nicht beatmete und kreislaufstabile Schlaganfall-Patient:in, die aufgrund ihrer Erkankung neurologisch so geschädigt ist, dass eine Pflegebedürftigkeit sehr wahrscheinlich ist, besitzt keinen Schalter, den man einfach mal so umlegen kann. Das einzige Gerät, was in ihrer Nähe einen Stecker besitzt, ist das Bett in dem sie liegt. Diesen Stecker kann man ziehen, ändert aber gar nichts an der Situation. Pflegebedürftigkeit incoming.

So wie dieses Beispiel, gibt es noch zig andere Erkankungen, die ganz steckerlos in eine teilweise oder vollständige Pflegebedürftigkeit führen.
Unfälle, die es einem nicht mehr ermöglichen zu laufen oder deren Folgen einen körperlich schwer einschränken.
Tumorerkrankungen, in deren Folge nicht selten eine Pflegebedürftigkeit, in welchem Ausmaß auch immer, zu finden ist.
Schlaganfälle, Herzinfarkte, Gefäßverschlüsse, Herzschwäche, Lungenerkrankungen, Stoffwechselerkrankungen. Alles sog. Volkskrankheiten. Alles Gründe um in seiner selbstbestimmten und eigenständigen Lebensweise eingeschränkt oder gar beschnitten zu werden. Alles Gründe um nicht mehr „so zu können“.

Und genau deshalb sollten wir uns ALLE, ganz unabhängig vom Alter, Gedanken darüber machen, wie denn diese Situation aussehen wird. Gedanken wie:

* Was bedeutet selbstbestimmtes Leben für mich?
* Welche Einschränkungen sind für mich hinnehmbar? Welche sind es nicht?
* Was soll für mich getan werden, wenn ich mich nicht mehr äußern kann?
* Welche Therapien kommen für mich in Frage? Welche schließe ich aus?
* Bin ich bereit auf eine Überlebenschance zu verzichten, wenn eine Therapieform zwar mein Leben retten könnte, aber mich wahrscheinlich nicht vor einer Pflegebedürftigkeit bewahrt?

Zudem sollten folgende Überlegungen getätigt werden:

* Wer soll mich überhaupt pflegen?
* Welche Qualität erwarte ich von dieser Pflege?
* Welche Auswirkungen hat eine Pflegebedürftigkeit auf mein Umfeld, meine Familie, meinen Arbeitsplatz?
* Was bedeutet Pflege eigentlich für mich? Welchen Anspruch habe ich?
* Was bin ich bereit für Pflege zu bezahlen?


Das alles sind Fragen, die es vorab zu klären gilt. Nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit der Familie. Viel wichtiger als eine oftmals nur vage und schwammig formulierte Patientenverfügung ist das Gespräch mit der Familie. Für den Fall der Fälle, dass man in eine Situation kommt, die einem nicht mehr erlaubt einzelne Punkte der Patientenverfügung zu erklären oder zum Ausdruck zu bringen, wie man es denn nun eigentlich meinte. Das Leben und das Leiden lassen sich nicht auf drei Seiten im Multible-Choice-Verfahren regeln oder gar beenden. Es ist deutlich komplexer. Und leider ohne professionelle Hilfe oft nicht zu bewerkstelligen. Eine Vorsorgevollmacht und ein tiefgründiges Gespräch mit der in der Vorsorgevollmacht eingesetzten Personen ist daher ganz essentiell. Eine detailiert ausgefüllte Patientenverfügung komplettiert die Auseinandersetzung mit dem Thema Pflegebedürftigkeit und Tod, unterstreicht nochmal die Richtung in die man bereit ist zu gehen oder nicht zu gehen. Dennoch müssen die Angehörigen wissen, wie die Punkte gemeint sind, die in dieser Verfügung stehen. Sehr oft sind Angehörige selbst bei Vorliegen einer Patientenverfügung heillos überfordert. Meist, weil man nie über das Thema geredet hat und der Patientenverfügungsvordruck eben nicht ausreicht um einen Willen deutlich abzubilden. Ich höre oft „Das hätte er/sie nicht gewollt.“. Auf meine Nachfrage, was er/sie denn gewollt hätte, bekomme ich meist keine Antwort. Denn dieses Thema wird in den Familien sehr oft tabuisiert und gar ignoriert – mit fatalen Folgen.

Immer wieder erlebe ich Situationen, in denen jemand seine Kinder als Vorsorgebevollmächtigte eingesetzt hat, diese aber darüber nichts wissen und verständlicherweise völlig überfordert sind. Das darf nicht passieren. Wenn Ihr Euren Kindern/Angehörigen/nahestehenden Menschen diese Last nehmen wollt, dann redet über dieses Thema. Sprecht es an. In Ruhe. Nicht zwischen Tür und Angel. Es betrifft Euch. Es betrifft auch Eure Kinder, Angehörigen, nahestehenden Menschen. Die Menschen die über Euer Leben entscheiden müssen, wollen dies aus Überzeugung tun und sich sicher sein, das Richtige zu tun. Sie sind sogar von Gesetzes wegen dazu verspflichtet „dem Wille des Patienten zu entsprechen“. Wenn der Wille aber nicht klar ist, dann wird es schwer ihm zu entsprechen. Viele Menschen zerbrechen an wegweisenden Entscheidungen, zögern sie gar hinaus, weil sie glauben, dass es sich irgendwie von selbst erledigt, sie nicht entscheiden müssen. Sie haben einfach Angst davor das Falsche zu tun. Eine falsche Entscheidung zu treffen. Innerfamiliäre Querelen sind dabei nicht sehr hilfreich. In dieser Zeit sind uns als Behandlungsteam die Hände gebunden. Wir machen das was wir am besten können. Leben retten. Leben erhalten. Und leider manchmal auch Leid verlängern. Intensivmedizinisch ist heute sehr viel möglich. Ob es immer sinnvoll oder ethisch ist, steht auf einem anderen Blatt. Wir sind auch an dieses „im Sinne des Patienten“ gebunden. Nur gehen wir IMMER von einem „Überlebenswille“ aus. Koste es was es wolle. Das ist gerade die bittere Wahrheit.

An dieser Stelle sieht man, dass eine vorgefertigte und nur mit Ankreuzfragen zu beantwortende Patientenverfügung sinnlos ist. Jedes Leben ist individuell. Von der Geburt bis zum Tod. Erst mit den Gedanken, die ich oben aufgeschrieben hatte, füllt man diese Verfügung mit Individualität und, so konträr das klingen mag, mit Leben.
Leider, oder Gott sei Dank, weiß man meist nicht woran man stirbt. Wenn man es wüsste, könnte man eine ganz konkrete Patientenverfügung verfassen. So bleibt einem nur die Bestimmung der Rahmenbedingungen und das äußern von Vorstellungen was mit einem passieren soll, wenn man nicht mehr kann.

An diesem Punkt greife ich nochmal den Einwurf auf, den ich weiter oben schon angerissen hatte. Zum erstellen einer Patientenverfügung benötigt es professionelle Hilfe. Menschen die Ahnung davon haben, was heutzutage medizinisch möglich ist, wie sinnvoll diese Dinge sind, welche Auswirkungen sie haben, welche Prognosen sie haben, welche Möglichkeiten und Hilfen man im Anschluss erwarten kann sowie bei der Frage weiterhelfen können, ab wann man aufhören sollte. Ab wann der „Point of no return“ gekommen ist. Ab wann eine Therapie nur noch Leid verlängert oder gar noch mehr Leid produziert.

Den meisten Menschen ist nicht bewusst, dass man viele Organe ersetzen kann. Wenn auch oft nur temporär, zeitlich beschränkt. Begriffe wie: Beatmung, Langzeitbeatmung, Tracheotomie, Dialyse, ECLS, ECMO, Impella, LVAD, MARS und viele weitere solcher Begriffe spielen in den Patientenverfügungen kaum eine Rolle. Dennoch muss man darüber reden und sich Gedanken machen. Und leider geht dies nur mit Menschen, die eine Ahnung von dem haben über was man sich Gedanken machen sollte. Das sind in diesem Fall Ärzte (z.B. der Hausarzt) und Pflegefachleute.

Bei diesem Punkt wird ersichtlich, wie wichtig eine gute und professionelle Pflegeversorgung für uns ALLE ist. Pflege kann nicht jeder. Denn Pflege ist mehr als nur waschen, füttern, Fäkalien beseitigen, Kaffee verteilen und Händchen halten. Pflege hat auch beratende Funktion.
Pflege hat betreuuende Funktion. Ist ein Mensch krank, dann ist oft die ganze Familie mit „krank“. Angehörigengespräche sind Teil unserer Arbeit. Nicht selten erfährt man in diesen Gesprächen Dinge, die für den weiteren Behandlungsweg und die Pflege wichtig sind.

Aber vorallem ist eine professionelle Pflege ein wesentlicher Bestandteil der Gesundheitsversorgung in Deutschland. Pflege ist kein Anhängsel der Medizin oder gar ein Beruf für Menschen, die zu „doof fürs Medizinstudium“ waren oder für Menschen, die sonst nichts bekommen würden. Wir entscheiden uns ganz bewusst für diesen Beruf. Wir sind die Experten für Health Care, Prävention und Pflege der Menschen. Und in Eurem ureigenen Interesse sollten wir ALLE an einer starken und professionellen Pflege interessiert sein. Denn ohne eine gut ausgebildete Pflege ist die Gesundheitsversorgung in Deutschland nicht möglich.

Die Pflege ist für Euch da, wenn man nicht mehr kann, wie man gerne wöllte. Im Kleinen und im Großen. Die Pflege hilft. Die Pflege lindert. Die Pflege unterstützt. Die Pflege handelt professionell und wissenschaftsbasiert. Die Pflege nimmt Euch als Mensch wahr, nicht als Kunde.
Die Pflege ist häufig dabei, wenn Ihr von dieser Welt geht.
Und selbst danach ist sie noch für Euch da. Wir lassen Euch nicht einfach so gehen. Ihr sollt ordentlich aussehen. Das ist dann das Letzte, was wir noch für Euch tun können.

Das Einzige was wir dafür verlangen ist, dass Ihr Euch der Wichtigkeit einer professionellen und bedarfsgerechten Pflege endlich bewusst werdet und diese von der Politik dieses Landes verlangt. Sie steht Euch zu. Im Leben und im Leiden.

Habt Euch wohl.
Euer Porter


„I have a dream…“

Ich komme mir manchmal vor als schreibe ich aus einem Krisengebiet.
An allen Ecken und Enden brennt es. Egal wohin man schaut herrschen Mangel und Unterversorgung. Zum Teil so gravierend, dass es menschenverachtend ist.
Die Politik sieht seit Jahren weg. Lässt sich gar Zahlen vorlegen, die kein Handeln nötig machen würden. Wohlwissend, dass in diesen Zahlen vielleicht nur die halbe Wahrheit steckt. Und dann stellt man sich dumm. Tut so als sei die Krise im Bereich der Pflege neu, als wüsste man von alldem nichts. Wirkt überrascht und lässt sich zu Sätzen verleiten wie: „Politik handelt konsequent und Pflegende fangen an, gut über die Pflege zu reden. #Deal“.
Twittern wie Rüddel eben.

Die Arbeit, den Beruf, den ich mal vor über 20 Jahren erlernt habe, gibt es heute fast nicht mehr. Ich meine damit nicht, dass es keine Krankenpflege mehr gibt, sondern ich kann meinen Beruf nicht mehr so ausüben wie es sein müsste. Bedarfsgerechte Pflege. Menschenwürdige Pflege. Das alles hat etwas mit Zeit zu tun. Zeit ist im Pflegebereich ein sehr essentielles Gut. Nur wer Zeit hat, kann auf die Bedarfe der Patient:innen so eingehen, wie es ihnen am hilfreichsten ist. Ich meine damit nicht Bummelei und Schlendrian. Ich meine damit Ruhe und Sorgfalt. Ich meine damit auch, den Blick zu haben für kleinste Veränderungen am Zustand eines/r Patient:in. Zudem möchte ich gerne Ressourcen nutzen oder gar ausbauen. Dinge die ein Mensch noch kann, bei denen er aber vielleicht Hilfe benötigt. Dinge, die beibehalten werden sollen oder man vielleicht erreicht, dass wieder mehr Eigenständigkeit in den Alltag einkehrt.

Niemand möchte zum „Pflegefall“ werden. Niemand möchte auf die Hilfe Anderer angewiesen sein. Jeder möchte soweit es geht selbstbestimmt leben. Mein Beruf hilft dabei. Er hilft nicht nur bei Krankheit, er hilft auch bei Gesundheit. Nämlich dann, wenn es darum geht Krankheiten zu vermeiden. In Deutschland ist die Pflege überwiegend auf die Versorgung von Kranken ausgerichtet. Prävention gibt es kaum. Dabei ist die Prävention in der Ausbildung/Studium ein sehr großes Thema. Prävention ist auch, wenn ich Komplikationen einer Erkrankung oder einer Operation vermeide. Für beide Bereiche, Prävention wie die Pflege Kranker, braucht es Zeit und vorallem ausreichendes und fachlich hochqualifiziertes Personal. Zudem braucht es gute Arbeitsbedingungen. Dazu gehören unter anderem gute Arbeitsmaterialien. Da rede ich z.B. von vernünftigen Betten, vernünftigen Matratzen, vernünftigem Wundversorgungsmaterial und Hilfmitteln wie Lifter oder Mobilisationsstühlen, eine gute Stationsinfrastruktur. Dazu gehören aber auch Bedingungen, die es für mich möglich machen einen 24/7-Beruf ausüben zu können. Work-Life-Balance. Vereinbarkeit Familie und Beruf. Ein angemessenes Gehalt. Im Pflegebereich sind das teilweise Utopien. Wer nicht mehr kann, der kann gehen – so nicht selten die Aussage der Kliniksleitungen. Und genau das tut die Pflege auch.
Sie geht.
Seit Jahren.
Scharenweise.

Ich bin noch nicht gegangen. Noch nicht. Doch mein Abschied ist eigentlich beschlossene Sache. Es bedarf schon sehr viel Veränderung, dass ich dieses Vorhaben wieder auf Eis lege. Momentan sieht es nicht so aus als müsste ich das. Denn momentan macht mich mein Beruf krank. Und nicht nur das. Er verletzt mich mitunter sogar. Moralisch und psychisch. Ich muss Dinge tun, die ich mit den mir zur Verfügung gestellten Mitteln nicht schaffe. Eins der mangelnden Mittel wäre die Zeit. Ein anderes die fehlende Personalausstattung. Man muss daher die Pflege rationieren. Man muss einzelne Maßnahmen kürzen oder gleich ganz weglassen. Man handelt also entgegen den eigenen moralischen und berufsethischen Vorstellungen. Man pflegt nicht mehr. Man passt eigentlich nur noch auf. Nicht weil man das will, sondern weil man dazu gezwungen ist. Dieses ständige Hin- und Hergerissen sein, das Wissen, dass man viel besser pflegen könnte und man den Menschen damit viel besser hilft, macht einen innerlich kaputt. Und bevor man daran zerbricht, geht man. Und kommt auch nie wieder zurück.

I have a dream – Ich habe einen Traum.
Ich träume davon, dass mein Beruf ernst genommen wird.
Ich träume davon, dass Pflege ein systemrelevanter Gesundheitsberuf ist.
Ich träume davon, dass Pflege für uns Alle ein wichtiges Thema wird.
Ich träume davon, dass mein Beruf auf eigenen Beinen steht.
Ich träume davon, dass Pflege modern und wissenschaftsbasiert arbeitet.
Ich träume davon, dass Pflege bedarfsgerecht und mit Zeit arbeiten kann.
Ich träume davon, dass ich bleibe.
Weil ich ihn mag. Meinen Beruf.
Und ich träume davon, dass ich irgendwann aufwache und sage:
Ich hatte einen Traum. Nun ist er wahr geworden.

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